03.02.2010
19:59

Gebrauchsanweisung

Vier oder sechs Jahre Grundschule?

Mit dem Hamburger Anwalt Walter Scheuerl Entrecote im Cafe Paris zu essen, ist ein großes Vergnügen. Aufgeräumt berichtet der fröhliche Mann von seiner Arbeit und seinem Leben. Allzu gerne würde man mit ihm vielleicht mal einen Wanderweg in den Alpen gehen oder mit seiner Seglergruppe ein Törn machen (oder wie das heißt).

Allerdings ist es anders, wenn der freundliche Herr als Sprecher von „Wir wollen lernen“ auftritt, einer Hamburger Bürgerini, welche die Einführung der sechsjährigen Grundschule verhindern will. Da betreibt Herr Scheuerl eine Politik der Falschinformation und Spaltung der Gesellschaft.

Sie glauben es nicht? Gut, dann hier eine kleine Gebrauchsanweisung für den – hoffentlich! - bevorstehenden Volksentscheid in Hamburg über die sechsjährige Grundschule.

1. Was soll diese sechsjährige Grundschule?

Bei dem großen Schulstreit, der im Moment in Hamburg ausgefochten wird, geht es um mehr als eine bloße Verlängerung der Grundschule von vier auf sechs Jahre. Die Idee ist, weniger Kinder zurückzulassen. Und das hat Hamburg bitter nötig – besitzt es doch neben Berlin, Bremen und dem Saarland und noch weit hinter Hessen und NRW die schlechtesten deutschen Schulen. Die Rate an Bildungsverlierern ist in Hamburg besonders hoch, die Zahl der bereits umgekippten Hauptschulen war zuletzt ebenfalls unzumutbar hoch.

Ein Gegenmittel: Die sechsjährige Grundschule, also die Verschiebung der Auslese um zwei Jahre soll im Verein mit einer pädagogischen Aufwertung der Schulen und der Vereinfachung der Schulstruktur auf zwei Säulen die hohen Risikoschülerzahlen reduzieren. Das kann mit diesen Maßnahmen gelingen – wie die Beispiele einer Reihe von Bundesländern zeigen, die mit der Einführung von kooperativen Schulen die Zahl der Bildungsverlierer deutlich drücken konnten. (Siehe Pisa 2006, nationaler Vergleichsbericht)

Mit der Verlängerung der Grundschulen stehen gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Lernkulturen zur Debatte: Hier das auf frühe Auslese zielende gegliederte Schulwesen. Dort eine auf Förderung jedes einzelnen indes bedachte Kultur des integrativen Lernens.

Modell 1 steht für die Schule des 19. Jahrhunderts, die den Sortierauftrag des Staates nach vermeintlich objektiven Begabungen als oberste Maxime kennt.

Modell 2 steht für eine Schule des 21. Jahrhunderts, die das einzelne Kind in den Mittelpunkt des Lernens rückt. Und die pädagogische Armut der Regelschulen bereichert.

2. Erreicht die 6jährige Grundschule ihre Ziele?

Dafür gibt es naturgemäß keine Garantie. Wissenschaftliche Untersuchungen können nur im nachhinein zeigen, ob es gelingen wird, die Schulen der Hansestadt besser, gerechter und moderner zu machen. Ein Selbstläufer wird das nicht, so viel ist klar. Es bedarf einer deutlichen Verbesserung der Lernkultur.

Allerdings gibt es eine Fülle von Studien, die das Modell grundsätzlich für positiv erachten. Die wichtigste hat der Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann vorgelegt. Lehmann verglich die Lernleistungen der fünften und sechsten Klassen der Berliner Grundschule mit den selben Klassenstufen des Berliner (grundständigen) Gymnasiums, die so genannte Element-Studie. In Berlin können Grundschüler prinzipiell vier oder sechs Jahre in die Grundschule gehen.

Das Ergebnis Lehmanns: Die Lernzuwächse an der Grundschule sind im Durchschnitt besser als am Gymnasium. Das ist insofern bemerkenswert, da die Berliner grundständigen Gymnasien eine kleine, bevorzugte Schicht von nur sieben Prozent des Jahrgangs unterrichten – und dennoch keine besseren Gesamtzuwächse erzielen konnten als die Masse der 93 Prozent der Fünft- und Sechstklässler an den Grundschulen.

Zum Vergleich: Das wäre gerade so, als würde der FC Bayern mit einer kleinen Schar von Elitespielern, versorgt mit mehr Geld, teureren Trainern und dem viel anspruchsvolleren Programm schlechter abschneiden als die in der gleichen Liga antretenden Kneipen- und Freizeitmannschaften.

Lehmanns Studie hat zu vielen Diskussionen geführt und wird gern als Gegenbeleg aufgeführt, da Lehmann in einem gezielt politisch gehaltenen Interview seine Ergebnisse in Der Zeit ein bisschen schlicht darstellte. Die Zeit entschuldigte sich kleinlaut. Und der deutsche Pisa-Papst und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Jürgen Baumert überprüfte Lehmanns Daten zur Sicherheit. Baumerts Ergebnis setzte ein dickes Fragezeichen hinter die pädagogische Qualität des deutschen Gymnasiums:

In keinem Leistungsbereich sind Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar“, analysiert der beste deutsche Schulforscher. Und resümiert: „Bewertet man die Befunde insgesamt, so sind sie zunächst ein Kompliment für die [sechsjährige, d. Red.] Grundschule. Die Entwicklungskurven von Spitzenschülern verlaufen in der Grundschule und in der Unterstufe des grundständigen Gymnasiums parallel, und zwar nicht nur im Lesen, sondern … auch in der unterrichtsabhängigen Domäne Mathematik. Für die grundständigen Gymnasien sind die Befunde ein Grund zur Nachdenklichkeit. Generell ist fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben.“

3. Gibt es einen guten Kompromiss?

Walter Scheuerl schlägt vor, nur einen Teil der Grundschulen auf eine sechsjährige Laufzeit umzustellen. Dann ließe sich „im Wettbewerb“ entscheiden, welche Schule die bessere sei. Eine teilweise Einführung der Grundschule wäre, offen gesagt, ein ganz schlechter Kompromiss – und man sollte es dann lieber ganz bleiben lassen. Auch hier kann Hamburg von Berlin lernen, das ja eine parallele Struktur ermöglicht: Es ist verheerend für die pädagogische Atmosphäre und die Praxis der Grundschule, dass sich Eltern und Kinder stets über vier oder sechs Jahre entzweien. Der Schulkampf wandert gleichsam in jede einzelne Klasse.

Das längere gemeinsame Lernen ist in ganz Europa und auf der Welt weit verbreitet. Nirgendwo gibt es deswegen so viel Aufregung wie in Deutschland. Es ist einfach selbstverständlich, dass eine demokratische Schule seinen kleinen Bürgern möglichst lange die gleichen Startchancen einräumt. Und seltsam:

Was soll ein Kompromiss bei dem fundamentalen Recht auf Bildung? Sind Menschenrechte doch teilbar? Kann man einem Teil der Kinder besser Chancen einräumen als einem anderen?

Walter Scheuerls Wettbewerbsargument ist für einen Rechtsstaat schwer tragbar: Gesetze gelten für Bürger gleich – oder würde jemand auf die Idee kommen, zwei Steuersätze probehalber in einem Modellversuch miteinander konkurrieren zu lassen? Nein, die sechsjährige Grundschule sollte man ganz einführen oder gar nicht?

4. Was hat „Wir wollen lernen“ erreicht?

Die Ini kann ausgesprochen positive Folgen haben, wenn man die Einführung der neuen Primarstufe mit noch mehr pädagogischer und qualitativer Unterstützung einführt. Dann hätte sich die Aktion gelohnt. Kommt es zu einem Volksentscheid wäre dies die demokratisch beste Antwort auf den Konflikt. Denn dann könnte man die Hamburger Bürger fragen, ob sie ihre Schulen modernisieren wollen – oder ob sie auf dem ständischen Prinzip (Ole von Beust) der früh gegliederten Schule beharren.

Nicht unwichtig ist, ob und wie sich die SPD positioniert. Die Sozialdemokraten haben eine ulkige Position: Sie sind einerseits vehement FÜR das längere gemeinsame Lernen, wollen aber MOMENTAN nicht verraten, wie sie das einführen wollen. Verlöre die Ini von Walter Scheuerl die Unterstützung der Sozialdemokratie, würde ein Volksentscheid sicher offener werden. „Es ist auch unser Erfolg, dass heute alle Parteien für das gemeinsame längere Lernen einstehen,“ sagte Fraktionschef Neumann beim Neujahrsempfang der SPD Hamburgs. Die Zerrissenheit der SPD zeigt sich wunderbar an einem Interview des SPDler Thies Rabe zum Thema. Er sagt: Die Idee der Primarschule ist famos - aber ihre Umsetzung sei nicht gut. 

Zudem hat „Wir wollen lernen“ (WWL) mit einer merkwürdigen Aktion seine Anhänger verwirrt. WWL sammelte enorm viele Stimmen beim Bürgerentscheid mit der Verletzung des Elternwahlrechts, gegen dessen Verletzung es so lang und lautstark demonstrierte. Nun aber plötzlich ein Kehrtwende. Walter Scheuerl ist gar nicht mehr für das Elternwahlrecht, wenn es ab der sechsten Klasse gilt. Denn er hat erkannt, dass die völlig Freigabe des Elternwahlrechts ab der sechsten Klasse seine geliebten Gymnasien vor eine Zerreißprobe stellen würde. Dann könnte JEDER seine Kinder aufs Gymnasium schicken. Daher votierte er nun plötzlich für ein Recht nur nach der vierten Klasse – das obendrein nur für bestimmte Eltern gelten soll: Das Bildungsbürgertum. 

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