24.10.2012
15:35

Marx wusste es besser: Studiengebühren sind gerecht

Campus-Maut: Wie Bundesländer und Studierende sich von einem, ja, emanzipatorischen Projekt verabschieden

VON CHRISTIAN FÜLLER

Schade eigentlich. Jetzt beginnt auch Bayern, sich aus den Studiengebühren wieder zurück zu ziehen. Ministerpräsident Horst Seehofer hat eine „offene Diskussion“ über das Bezahl-Studium angekündigt. Diese Aktion ist nicht nur Beweis für den Populismus eines Wahlkämpfers. Sie markiert zugleich den Abschied von einem, ja emanzipatorischen Projekt: Studiengebühren sind nämlich nicht, wie gern behauptet, ein Mittel der Ausschließung, sondern im Gegenteil: Sie sind ein Moment des sozialen Ausgleichs – und stärken zugleich demokratische Beteiligung. Jedenfalls können sie es.

Wie das? Das fragt sich LeserIn zurecht. Denn den Eintritt ins Studium mit einem Preis zu versehen, verengt den Zugang zur Hochschule. Weil sich nicht mehr jeder die Uni leisten kann. Das stimmt – aber eben nur auf den ersten, flüchtigen Blick. Die empirischen Daten offenbaren ein anderes Bild: Das Nadelöhr für Arbeiterkinder ist nicht etwa die Campus-Maut, sondern es ist die scharfe Auslese, die von der Schulstruktur ausgeht. Es gibt Studien jeder Methodik und unverdächtiger Herkunft, die das zeigen. 

It´s the school, stupid

Der so genannte Bildungstrichter (aus der Sozialerhebung der Studentenwerke) beweist seit vielen Jahren, dass nur 11 bis 14 Prozent der Arbeiterkinder auf Hochschulen kommen, aber satte 83 Prozent der Beamtenkinder. Ursache dafür ist, dass es Eltern der sozialen Herkunftsgruppe „hoch“ gelingt, 85 von 100 Kindern in die gymnasiale Oberstufe zu hieven – und von denen wiederum 95 Prozent auf die Hochschule. Den Eltern der sozialen Herkunftsgruppe „niedrig“ (so heißen Arbeiterfamilien soziologisch heute) bringen nur 36 von 100 Kindern auf die höhere Schule; und von ihnen nur 31 Prozent auf die Uni.

Die Übergangszahlen schwanken geringfügig, aber der Gegensatz zwischen den Studienerfolgen der Ober- und Unterschicht bleibt stabil. Der Bildungstrichter bestätigt damit das Ergebnis jeder einzelnen Pisa-Studie:

Schulische Leistungen und Fortkommen hängen in Deutschland von der sozialen Herkunft ab. Es ist DIE Achillesferse des deutschen Bildungssystems. Oder genauer: Es ist die SCHULE, die vom Studium abhält und nicht etwa die Campus-Maut.

Was passiert nun, wenn Studiengebühren hinzukommen? Auch das weiß man, dank einer Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin (die übrigens – auch von dieser Zeitung – konsequent kleingeredet wurde). Danach haben Gebühren keine abschreckende Wirkung. "Mit keiner der durchgeführten Analysen kann ein negativer Effekt von Studiengebühren auf die Studierneigung identifiziert werden", schrieben die Forscher 2011. (1)

Marx über unentgeltliche Unterrichtsanstalten

Es gibt viele weitere Studien etwa der OECD, welche die Vorteile eindrucksvoll belegen, die Akademiker aus ihrem Studium ziehen. Das schlagendste Argument stammt aber vielleicht von Karl Marx. Er notierte 1875 in seiner Kritik am Gothaer Programm der SPD,

„wenn in einigen Staaten höhere Unterrichtsanstalten unentgeltlich sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.“ (Marx, 2)

All´die Studien zu zitieren, die das Märchen „Studiengebühren sind die Ursache sozialer Selektion“ fortschreiben, ermüdet freilich. Man muss, um besser zu verstehen, was es mit Gebühren und Gesellschaft auf sich hat, über zwei Dinge sprechen.

  • Erstens: Wieso ignoriert die akademische Oberschicht diese Zahlen?
  • Zweitens: Wie könnte denn ein intelligentes Studiengebührenmodell aussehen? 

Erstens: Es gibt eine Vielzahl von grandiosen Schein-Argumenten gegen Studiengebühren. Der wahre Grund aber, warum Akademiker das Bezahlstudium bekämpfen, ist sehr einfach: Jeder ist sich selbst der nächste. Die Studierten verteidigen ihre Privilegien. Die Kinder der – zugespitzt formuliert – Reichen und Gebildeten bekommen das Studium geschenkt. Das soll so bleiben. 

Asta: Nützliche Idioten der Reichen

Das Mantra der Allgemeinen Studentenausschüsse, das in etwa „Studium für alle“ lautet, ist nichts anderes als Propaganda-Schwindel. Studentenvertreter betätigen sich als Lobbyisten ihrer Klasseninteressen – oder als nützliche Idioten der gehobenen Beamten- und Bürgerschichten. Asta-Fritzen kämpfen im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium. In Wahrheit aber sind sie die Vorhut reicher Ärzte-, Anwälte- und Redakteurs-Kinder, die Papis Kohle weiter in Skiurlaube statt in die Campus-Maut stecken wollen. So weit so schlecht.

Spannender ist die Frage: Wie kann ein intelligentes Gebührenmodell aussehen? Die taz hat im Jahr 2004 ein solches Modell vorgelegt, und es hätte emanzipatorische Kraft. Warum? Die demokratisch-soziale Lage an den Hochschulen sieht so aus, dass die Bürgerkinder ihr Studium genießen – und sich um Wahlen in die Selbstverwaltungsorgane nicht weiter scheren. Teilweise gehen nur neun Prozent (sic!) zur Wahl, maximal reicht die Wahlbeteiligung bis knapp über 20 Prozent.

Asten komplett abschaffen?!

Die Idee wäre nun diese: Wenn sich die StudentInnen an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen, sollen sie das Geld auch selbst verwalten (dürfen). Dann würden die Wahlbeteiligung wahrscheinlich dramatisch steigen – parallel zu dem Interesse daran, ihre Studiengebühren sinnvoll einzusetzen. Immerhin handelt sich dabei, wie die Abschaffung der Gebühren in NRW und Baden-Württemberg zeigte, um dreistellige Millionenbeträge. Eine Steigerung der Wahlbeteiligung an den Unis ist übrigens wichtig. In der CDU wird bereits laut darüber nachgedacht, die studentische Selbstverwaltung an den Hochschulen komplett abzuschaffen – weil sich so wenige dafür interessieren. 

NRW: 250 Millionen Euro für Privilegierte

Über all' das würde es sich lohnen nachzudenken. Aber, die politischen Mehrheiten sind anders. Rot-Grüne Landesregierungen haben die Campusmaut nicht etwa zu einem Modell demokratischer Mitbestimmung erweitert, sondern abgeschafft. Eine solche Politik wirkt sich übrigens sofort auf eine progressive Bildungsreform aus – es verunmöglicht sie. Denn wer, wie NRW, 250 Millionen Euro ausgibt, um privilegierten StudentInnen die Campus-Maut zu erstatten, der hat eben kein Geld mehr für benachteiligte Arbeiterkinder in Ruhrgebietsschulen. Mit anderen Worten, das emanzipatorische Projekt „demokratische Studiengebühr“ ist passé, von links bis konservativ. (3)(4)

Wie lange es sich freilich Friseurinnen, Hilfsarbeiter und andere Nicht-Studierte in diesem Land gefallen lassen, dass sie mit ihren Steuern Universitäten bezahlen, die ihre Kinder niemals werden besuchen können, das steht auf einem anderen Blatt.


P.S. Anmerkungen und Ergänzungen zu verschiedenen Aspekten

1) Die WZB-Leute fanden weiter heraus, dass sich interessanterweise gerade Kinder aus sozial benachteiligten Schichten nicht abgeschreckt fühlen durch die Campus-Maut – ganz im Gegenteil. Sie verrechnten den Wert des Studiums mit ihrem künftigen beruflichen Status. Mit anderen Worten: Sie wissen besser als die feinen Pinkel reicher Häuser, dass das Studium sehr wohl eine private Bedeutung hat – und sprechen offen darüber.

Auch die OECD belegt das übrigens eindrucksvoll (Education at a glance 2012): Das Einkommen von Akademikern liegt in Deutschland um 80 Prozent über dem Nicht-Studierter; das ist viel höher als in anderen entwickelten Ländern, wo die Einkommensvorteile nur bei knapp 60 Prozent liegen Die beiden Bochumer Ökonomen und Winter und Pfitzner haben diese Einkommensvorteile jüngst genauer untersucht – und sie empört. Sie sprechen von einer „Studiengebührenlüge“. Und argumentieren konsequent „gegen ein gebührenfreies Studium auf Kosten der Allgemeinheit“. Der Unter-Titel ihres Buches heißt denn auch: „Wie die Republik Bildung vernichtet und die Armen abzockt“.

(2) Das hübsche Marx-Argument samt Zitat hat übrigens der heutige Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Thomas Oppermann, in die Debatte eingeführt. Damals als Wissenschaftsminister in Niedersachsen, wo er genüsslich gegen die SPD-Linie stichelte, das Bezahl-Studium zu verbieten. Es lohnt sich, ihn zu fragen, wie er heute dazu steht. Denn an Oppermann kann man genau studieren, wie sich frühere lustvolle Provokateure sehr brav auf Parteilinie bringen lassen.

(3) Es macht einen in der Tat zornig zu sehen, wie fix die Landesregierung aus NRW, die sich bundesweit als Retter der Beladenen und Benachteiligten geriert, die Studiengebühren abschaffte – obwohl es eine Viertelmilliarde Euro kostet. Zugleich geht die selbe Landesregierung in der Schulpolitik Kompromiss um Kompromiss ein. Wenn jemand studieren will, wie Grüne mit glühend gerechter Rhetorik die eigenen Klientel bedienen, dann muss er sich NRW ansehen. Der Zusammenhang ist ja auch sehr klar: Studiengebühren sind ein schnell einlösbares Wahlgeschenk, das sofort Beifall vom Wahlvolk bringt. Ein radikaler Umbau der Schulen aber hätte die Kinder der Grünen ebenso fix mit Schmuddelkindern in die selbe Schulbank gesetzt. Wer will das schon!

(4) Dass Bayerns Horst Seehofer aus Angst vor einer Volksabstimmung aus den Gebühren flieht ist eine traurige Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in Bayern, wo sich wenige Abiturienten und Studierende vielen Jugendlichen gegenüber stehen, die kein Recht aufs Studium haben, sollte eine Volksabstimmung das Gebührenfrei-Privileg wieder einführen?

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