Die Wahrheit der Odenwaldschule
Die Bedürfnisbefriedigungsanstalt
Oben im Wald stehen Menschen. Sie sind nah beieinander. Immer wieder tritt ein Gruppe vor, Arm in Arm. Einer wirft einen Zettel ins Feuer. Um seine Sorgen loszuwerden. Es lodert auf, kurz fällt der Schein auf ein Skulpturen- Tryptichon. Ein Mann umarmt eine Frau. „Entschuldige, ich habe nicht hingeschaut,“ sagt er in Tränen.
Oben im Wald endet mit minutenlangen Umarmungen der Abend der Wahrheit an der Odenwaldschule. Über drei Stunden lang sitzen rund 200 Menschen in der alten Turnhalle – und geben sich gegenseitig Zeugnis von Vorgängen, die man nicht für möglich gehalten hätte an einer Schule, die vorgab, ihre Kinder in den Mittelpunkt zu stellen.
Nicht verstehen, endlich zuhören
„Ihr wollt immer verstehen! Hört auf, verstehen zu wollen. Hört euch endlich mal an, was passiert ist.“ Der Mann schreit. Obwohl er gleichzeitig glasklar ist und vollkommen rational. Er brüllt seinen Schmerz hinaus, einen Schmerz, den ihm 20 Jahre lang niemand abgenommen hat.
„Wisst ihr, wie es sich anfühlt, wenn man als 13-jähriger nachts aufwacht. Aufwacht, weil Gerold einem den Schwanz lutscht. Aber nicht so, wie es Erwachsene tun, um Lust zu empfinden. Sondern wie ein Berserker lutscht. So dass man Angst hat, er beißt einem den Schwanz ab. So bin ich nachts um drei geweckt worden. Und ich war 13.“
Die Menschen, die das anhören, winden sich. Sie möchten vor der Hitze in der Turnhalle davon laufen. Sie möchten fliehen vor der Schilderung der Wahrheit. Es sträubt sich alles in ihnen, zu glauben und anzunehmen, dass dies alles nicht etwa in einer schmutzigen Absteige an irgendeinem Großstadtbahnhof geschah, sondern an der Odenwaldschule Oberhambach. Dem Vorzeigeinternat, der bevorzugten Reformschule der liberalen Nachkriegselite Deutschlands. Einer Schule, deren Motto war: „Werde, der du bist.“
„Ich war das aber nicht“, sagt einer der Betroffenen oben auf der Bühne, „es kam nicht von mir. Ich habe es hier gelernt, dass es normal ist, zu einem Erwachsenen ins Bett zu steigen. Ich war neun Jahre alt, als ich hier ankam.“
Drüben im Bürohaus der Odenwaldschule hat noch vor einer Stunde ein Altschüler gefragt, ob die Aufklärung nicht ein bisschen einseitig verlaufe. „Kann man jedem alles glauben? Ich frage ja nur: Wo gibt es einen zweiten Zeugen?“
Zweite, dritte und mehr Zeugen
In der Turnhalle, in der Bruthitze gibt es zweite und dritte und vierte Zeugen. Einer berichtet, wie ihn Wolfgang Held gestreichelt hat. Einer macht deutlich, dass ihn Gerold Becker vergewaltigt hat, und dass er ihn inzwischen hasst. Einer berichtet, dass ihn Jürgen Kahle onaniert hat. „Ich habe es geschehen lassen, aber ich bin am nächsten Tag zu ihm und habe gesagt, dass ich das nicht möchte.“ In einem beinahe literarischen Text, den der Moderator des Abends, Johannes von Dohnanyi, vorliest, wird die quälende tägliche Prozedur des Weckens berichtet. Pfarrer Gerold Becker rieb den Halbwüchsigen den Penis, um sie zur Schule zu rufen. "Jeden Tag, jeden verdammten Tag. Nur am Tag des Herrn ließ er uns ausschlafen."
"Jetzt Nein sagen?"
Wie die Jungen sich dreimal überlegen, ob sie duschen, weil der Schulleiter sofort in die Dusche drängt. „Jetzt nein sagen?“, heißt es immer wieder in einem verlesenen Text. Um ihnen zu zeigen, wie man sich das Glied wäscht. „Jetzt Nein sagen?“ Und wie sich Becker an ihnen entlädt. „Wozu jetzt noch Nein zu sagen!“
Man fragt sich, je länger der Abend dauert: Was war die Odenwaldschule unter Gerold Becker eigentlich: Eine Schule, in der es zu Missbräuchen kam? Oder eine Bedürfnisbefriedigungsanstalt, die nebenher auch ein wenig Schule machte? Und was sagen die Lehrer dazu?
Es sind viele Pädagogen da. Auch solche, die unter Gerold Becker bereits an der Schule waren. Allesamt beteuern sie, dass sie nicht gemerkt hätten, was geschah. Und weil niemand das glauben kann, werden die Fragen jetzt schärfer, der Abend der Wahrheit verwandelt sich für Momente in ein Verhörzimmer. „Du hattest doch ein Verhältnis zu einer 18-jährigen Schülerin“, sagt ein ehemaliger Schüler zu einem Lehrer. „Ist es da ein Wunder, dass du nicht aufklären wolltest. Das war doch das Bonbon für Euch Lehrer. Ihr hatte Eure Freiheiten, dafür ließt ihr Gerold in Ruhe.“
"Ja, ich hatte ein Verhältnis zu einer Schülerin"
Der angesprochene Lehrer steht plötzlich im Zentrum. Wut steigt in den Leuten auf, der Mann zittert. Nun ist alle Aufmerksamkeit bei ihm, es ist ein Mitläufer identifiziert. Doch er läuft nicht weg. Er lässt sich ein Mikrofon geben. Er antwortet sehr knapp, sehr präzise. Er sagt, erstens und zweitens. Er sagt. "Ja, ich hatte ein Verhältnis." Man hört, wie er anfügt: Was habe das eine mit dem anderen zu tun?
„Du willst deinen Arsch retten?“ brüllt jetzt einer, der keine drei Schritte hinter ihm steht. Vorne kreischen ein paar Frauen vor Wut auf den Mann, der gerade zugegeben hat vor 200 Menschen, dass er mit einer erwachsenen Schülerin geschlafen hat. Die Menge entlädt ihre Wut auf diesen Mann, es gibt Geschrei. Angst macht sich breit – da sagt oben auf dem Podium Salman Ansari beinahe sanft:
„Das geht nicht! Hört auf! Wir wollen hier die Wahrheit hören. Und wenn einer sie sagt, dann, bitte, hört ihm zu.“
Salman Ansari war selbst Lehrer auf der Odenwaldschule. Seit 1999 zum ersten Mal herauskam, das es Missbrauch gab, richtete er bohrende Fragen an seine Kollegen. Sie haben ihn geschmäht, als Judas und Verräter bezeichnet. Sie haben ihn ausgestoßen. Jetzt schützt Ansari jene, die zu sprechen bereit sind.
Auf dem Podium sitzt ein Psychoanalytiker. „Es ist die Urangst des Menschen ausgeschlossen zu werden. Einsam zu bleiben.“ Das hindere die Lehrer am Sprechen.
Kurz danach wird ein zweiter Lehrer enttarnt als einer, der ein Verhältnis zu einer Schülerin hatte. Er war bekannt und gefürchtet für seine beißenden Witze. Nun verhaspelt er sich. Dann sagt er zu einer Sentenz, die damals so vielen die Augen geöffnet hatte: „Das war doch ein Witz. Ich hatte doch keine Ahnung, dass die Wirklichkeit meinen Witz noch übertraf! Wenn ich das geahnt hätte, dann ich ich den Witz doch nie gemacht!“
Es geht blitzschnell, man durchschaut nicht mehr jede Volte, jedes selbstverräterische Detail. Da sagt Johannes von Dohnanyi zu dem Mann: „Du hättest also geschwiegen?“ Der Lehrer hat auch nicht wirklich verstanden, er piepst:
"So lasst mir doch mein Unterbewusstes. Und wenn ich gewusst hätte, was geschah, dann hätte ich es nicht gesagt“, offenbart er. „Ich hätte Angst gehabt, dass die mich anzeigen.“
Es ist die einzige smoking gun, die die Wahrheitskommission heute hinaustragen wird. Ein dürres Sätzchen, das dennoch den ganzen Verrat an den Schülern zeigt: Ein Lehrer befürchtet Strafverfolgung, wenn er offenbart, dass Kriminelles mit halbwüchsigen Schülern geschieht. Nicht die Schüler schützt er, sondern sich und die Täter.
„Wir haben uns nur um uns selbst gekümmert“, sagte Salman Ansari gleich zu Beginn des Wahrheitsabends. „Die Kinder waren zweitrangig.“ Jetzt, drei Stunden später verstehen viele, was er gemeint hat. „Wir stritten uns über unsere Ideologien von Erziehung. Wir waren fraktioniert in zwei Gruppen, wir waren die ganze Zeit mit uns selbst beschäftigt. Und Gerold Becker hat es genossen, uns zu teilen in Kinderfreunde und Kinderfeinde. Wie kann das sein an einer Schule, die versprochen hat, sich um Kinder zu kümmern?“
Aber die Lehrer, die nun reihum auf die Anklagebank gesetzt werden, sie verstehen das nicht. Oder wollen es nicht verstehen, was das Ethos eines Lehrers sein könnte. Sie sagen in endlosen Schleifen, niemand hat mich vorbereitet auf meine Aufgabe, niemand hat mir gesagt, was ich tun soll. Ich schwöre, ich habe nichts bemerkt. Sie sagen Ich, ich, ich. Ich kann nichts dafür.
„Ich höre immer nur Gerold Becker“
„Ich höre immer nur Gerold Becker“, sagt ein Ex-Schüler, „aber was ist denn mit Euch Lehrern? Das kann ich nicht glauben. 30 Prozent von Euch hatten doch sexuelle Verhältnisse mit Schülern.“ Und einer der Betroffenen brüllt so laut, dass es einen schaudert, „wir laut sollen wir denn noch schreien, dass ihr uns zuhört!“
Da sagt hinten einer der ehemaligen Lehrer, leise. „Es tut mir leid, dass ich nichts gesehen habe. Bitte, entschuldige."
Oben im Wald sieht man, wenn das Feuer auflodert, die Skulptur. Drei Metter ist sie hoch. Eine große Hand aus Metall, der ein Finger fehlt. Ein Baum, der keine Krone mehr hat. Ein Pflänzchen, dass wieder wachsen soll.
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