06.02.2010
23:25

lets talk about - frontloading

In unserer Twitterwolke rund um (neue) Schule und (modernes) Lernen kommt es immer wieder zu, nun ja, kleinen Scharmützeln,

ob und wie sinnvoll Frontalunterricht eigentlich noch ist. 

@cervus hat zuletzt heute (Samstag, 6. Feb) eine witzige Bemerkung gemacht über @chrisimwebs diktum, medien seien gut, "um den frontalunterricht effizienter zu machen". (er hat das dann präzisiert, schaut seinen tweet an.)

(Siehe auch die frischen Kommentare hier im Blog. >>>)

Unter der Woche ging es um die Frage, ob man die Schulstruktur ODER den Unterricht ändern müsse. @mccab99 meinte, die Hamburger Debatte über vier oder sechs Jahre Grundschule sei nebensächlich. Pisaversteher fragte sich, wie man Schulstruktur und Lernstil denn voneinander trennen könne:

@mccab99 struktur ist keine hinreichende antwort auf neu lernen @ciffi sagt dazu: aber eine notwendige. solange studienräte abschulen können, ändern sie stil nicht

Mein Vorschlag wäre daher, dass man hier und mit Tweets diskutieren sollte. Vielleicht nehmen wir uns Michael Feltens "Auf die Lehrer kommt es an" als Vorlage. Es wird vom Verlag so angekündigt: 

"Die Bildungsdebatte kreist zu sehr um Strukturfragen und Leistungsstandards. Schulerfolg und Chancengerechtigkeit sind aber vor allem eine Frage der Unterrichtsqualität. Angesichts veränderter Kindheiten erweisen sich steuernde Lehrformen der offenen Pädagogik als vielfach überlegen. Gefragt sind heute Führungsfreude, Methodenklarheit und Einfühlsamkeit. (...) Was ist effiziente Klassenführung?"

Ich habe schon mal reingesehen, und habe es jetzt @nklee68 zu rezension für die taz gegeben. Felten, der Lehrer in Köln ist, hat schon mal diesen text für die taz geschrieben. >>> Am Pult kann nur einer stehen

Ich will nicht zu viel vorlegen, aber ich finde: Dieses Buch, dieses Haltung hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. its over. Kann man wirklich heute noch so über Schule reden? 

Einladung zur Diskussion. 

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Christian Kohls
07.02.2010
Kein Titel

Hallo Christian,

Da ich das Buch noch nicht gelesen habe, kann ich kein Urteil fällen. Ich finde den Klappentext aber gar nicht so abschreckend. Vielleicht offenbart sich hier eine unterschiedliche Sichtweise. Umso besser, Offenheit für verschiedene Standpunkte wollen wir ja. Unterrichtsqualität finde ich gut. Und als jemand, der gerne in den Bergen wandert, finde ich Reiseführer auch sehr gut - sonst wäre ich schon längst abgestürzt. Wenn mir aber jemand eine gute Anleitung (in diesem Wort steckt ja auch der Führungsbegriff) gibt, fällt es mir leichter den Weg zu finden und - das ist das wichtige - ich erlange die Sicherheit, eigene Wege zu erkunden.

Was ich für schlecht halte ist das Aufzwingen eines Weges. Schlechter Frontalunterricht macht genau das: Da steht jemand vorne, der erzählt und erzählt.

Na, da bleibt dann keine Zeit mehr, den Weg selbst zu gehen. Also wenn ich wandern gehe, dann habe ich eine Karte dabei und fühle mich mit einem Bergführer sicherer. Wenn ich mir aber nur die Karte anschaue, komme ich natürlich nie bei meinem (Bildungs-)Ziel an. Guter Frontalunterricht liefert daher in meiner persönlich konstruierten Realität ein Lernangebot, das bereits bekannte Wege, bereits erarbeitetes Wissen vermittelt (aber nicht transferiert!).

Mindestmaß an Instruktion

Konstruiert werden muss es dann immer durch das Individuum. Das Problem von Frontal ist meiner Meinung nach doch 1. seine Dominanz und 2. die schlechte Inszenierung. Ein Mindestmaß an Instruktion ist aber notwendig – zumindest für mich. Respekt für alle, die sich ihr Wissen vollständig selbst erarbeiten ohne frontale oder führende Inputs (d.h. an alle, die ohne Bücher oder Zeitungen auskommen, denn „frontaler“ – weniger individuell – als ein geschriebener Text geht es nicht).

frontale Situation

Aber denkt bitte auch an Menschen wie mich, die Impulse in Form von Erklärungen, Veranschaulichung, Moderation, Provokationen oder Organisation (für mich alles Beispiele für frontale Formen) brauchen, um dann selbst zu recherchieren, Information zu ver- und erarbeiten. In dem Moment wo jemand etwas an eine Pinnwand schreibt, Zettel umorgansiert oder auf einem BarCamp alle Leute nach vorne gehen, um ihre Sessions vorzustellen, sehe ich eine frontale Situation. Vielleicht ist der Begriff auch einfach zu unscharf. Gemeint ist von mir sicherlich nicht der nie aufhörende Lehrermonolog sondern die fragend-entwickelnden Phasen, die ich für notwendig erachte - wie übrigens auch alle mir bekannten methodisch-didaktischen Bücher, die auf empirischen Daten beruhen.

Methodenklarheit

Wo wir gerade bei Methoden sind: Wenn ich weiter auf dem Klappentext lese, dann sehe ich dort das Wort „Methodenklarheit“. Auch das würde ich unterschreiben. Für mich ist ein bekannter Weg (methodos = Weg) sicherer als im Wald herumzuirren. Natürlich muss man auch Umwege auspobieren und das Feld erkunden, um neue bislang unentdeckte Wege zu finden. Und einige Pioniere werden es auch ganz ohne Hilfe schaffen. Aber wenn das nicht klappt, dann fühle ich mich sicherer mit der Landkarte im Gepäck. LG, Chris

apricot
07.02.2010
Begriffe

Zu Anfang der Diskussion sollte man m.E. eine Begriffsunterscheidung machen. Frontalunterricht bedeutet m.E., der Lehrer hält einen Vortrag über die Köpfe der Kinder hinweg, "belehrt" die Kinder, diese hören zu oder notieren einen Hefteintrag, ohne große Eigenbeteiligung. Lehrerzentriertes, gesteuertes Lernen bezeichnet eine Unterrichtsart in der der Lehrer aus diversen Methoden vielfältig und sinnvoll auswählt, um Lernprozesse zu arrangieren und die Schüler zu aktivieren. Dabei wählt er neben freieren Phasen, wie Partner- und Gruppenarbeit, Wochenplan, Projektarbeit, Portfolio, Freiarbeit etc. durchaus auch einmal den Vortrag, das Unterrichtsgespräch oder gar das gleichzeitige Bearbeiten der gleichen Aufgabe. ciffi wirft gerne alles was nicht völlig frei ist, in den gleichen negativen Frontbeladungstopf.

Christian Grune
07.02.2010
Führung und Frontallappenbeladung

Auch wenn ich mich in die "reformpädagogogischen Fraktion" einsortiere, schreckt mich der Klappentext nicht - im Gegenteil, er animiert zum Lesen. Wenn Felten mit Frontalunterricht tatsächlich einfühlsame, klare Führung meint, stimme ich ihm sogar zu! Ich sehe auch an unserer Schule, dass offene Arbeit eine klare Struktur als Rahmen braucht - im Sinne von Verlässlichkeit, Vertrauen etc. Das ist dann etwa so wie der Reiseführer bei @chrisimweg

Lasst uns hier aber wie apricot schreibt die Begriffe klären. Und Frontallappen-Beladung als Metapher für geist- und emotionslose Führung, die zu Diktatur verkommt, verwenden - der Begriff ist zu schön!

pisaversteher
07.02.2010
Zwei Kulturen

Ja, man muss den Begriff definieren, da hat apricot absolut recht. Nur wieso sollte man das von vorneherein tun? Das ergibt sich fließend im Velrauf der Debatte. Ich würde übrigens weder @chrisimweb, noch apricot noch @cgrune zustimmen. Ihr macht einen Unterschied zwischen harter, strenger Frontbeladung und einer Art reflektierten Führung im Klassenzimmer. Ich finde diesen Unterschied, ehrlich gesagt, nur marginal. Wenn man auf eine neue Lernkultur sieht, die sich an den besten deutschen Schulen breit gemacht hat und Lernen2.0-Anordnungen ansieht, dann verliert der Lehrer seine leitende Stellung im Klassenzimmer ganz grundlegend. (Nur zu Klärung - ich kann das nicht, weil ich Journalist bin und kein Lehrer. Aber ich habe es inzwischen so oft gesehen bei den Recherchen für "Die Gute Schule" und "Ausweg Privatschulen?", es ist faszinierend, wie wenig die neuen Lernarrangements mit unserer Feuerzangenbowlen-Romantik zu tun haben.)

Zwei Kulturen

Was ist für die Debatte so interessant? @schb etwa fragt nicht umsonst, ob der Bonobon länsgt gelutscht ist; hingegen gibt es ja eine rege Fangemeinde selbst auf Twitte. Man kann sich darüber aufregen - aber man muss es auch zur Kenntnis nehmen: Es gibt zwei Kulturen.

Hier die Anhänger von Dr. Pfeiffer alias Heinz Rühmann - wenn Frontalunterricht nur witzig und intelligent genug ist, dann gehe er. 

Dort die Freiarbeits- und Lernen2.0-Community, die sagen: Lass uns Dr. Pfeiffer in den Ruhestand schicken Wir müssen heute das Kind, seine Neugier (und auch seine Begrenzungen) radikal in den Mittelpunkt stellen. 

Schulreform oder Unterrichtsreform?

Der Unterschied macht übrigens auch Sinn, wenn man die andere Diskursebene betrachtet: Hier die Anhänger einer - begrenzten - Lernreform. Da diejenigen, die sagen - ohne eine grundlegende Schul(struktur)-Reform wirst Du da Lernen gar nicht umstellen können.  Das ist m.E. für die Praxis ein falscher Widerspruch - und für den Diskurs ein bedeutende. Ich habe Schulen gesehen, die trotz der dümmsten Kultusminister Superschulen aufgebaut haben, die sehr modern lernen. Aber im Diskurs über Schulreform lege ich Wert auf den Hinweis: Wenn wir unser Lernen für das 21. Jahrhundert umbauen sollen und wollen - dann sollten schulstrukturelle Blockaden endlich abgebaut werden.

Beispiel: Wenn Kommunen in Bayern, NRW oder Ba-Wü sagen, wir wollen Regionalschulen machen, die ALLE Abschlüsse anbieten, wieso sollte man ihnen das verbieten? Das passiert aber noch. Das heißt: Schulentwicklung von unten wird massiv behindert von den Kultusbürokratien.

Daher eine Antwort an @mccab99, der fragt, welchen "Widerstand" ich vom Lehrer erwarte: Ich finde, Lehrer sollten zunächst wissen, was es an neuen und sehr erfolgreichen Lernfromaten heute gibt. Und dann sollten sie sich in Teams organisieren und zu Schulenteicklungsprozessen animieren. Ok, so weit.

Maik Riecken
07.02.2010
Bitte um Korrektur

"@mccab99 struktur ist kei hinreichende antwort auf neu lernen - aber notwendige. solange studienräte abschulen können, ändern sie stil nicht"

Magst du bitte mal deutlich kennzeichnen, was ich gesagt habe und was von dir kommt? Der zweite Nachsatz kommt nicht von mir - es sieht aber so aus, als wäre das so.

Maik Riecken
07.02.2010
Struktur oder Unterricht?

Das Spannende ist, dass wir in Deutschland seit Jahren an Strukturen herumdoktern - der Erfolg und die Auswirkungen auf den Unterricht sind ja phänomenal, oder?

Klar bedingen sich innere und äußere Reformen gegenseitig. Ich denke nur, dass es - aufgrund der Erfahrungen aus den letzten Jahren - einen Versuch wert sein könnte, ob innere Reformen Schulstruktur verändern (bottom-up) anstatt weiter an dem Glauben festzuhalten, dass äußere Reformen automatisch (=kostenlos) innere nach sich ziehen (top-down). Da sehe ich den Unterschied in der Haltung zu einer Landesregierung nicht, die das top-down "verordnet".
Und ja: "Innere Reformen" kann bedeuten, dass wir alle etwas dafür zahlen müssen, weil das Geld kostet - viel Geld. Um innere Reformen, um Qualifizierung von Lehrkräften usw., hat man sich nämlich schon lange nicht mehr gekümmert, auch mit der Folge, dass da eine "klitzekleiner" Investionsstau herrscht, der so gar nicht zu den momentan leeren Kassen passen mag.

cif
07.02.2010
struktur = tabu

ja,

mike, du hast absolut recht: der "schulreform von unten" ist der "reform von oben" unbedingt vorrang einzuräumen. schulentwicklung von vor ort ist der nukleus der veränderung. und wir sind - jetzt! - genau zur rechten zeit dran.

und nein,

mike, das stimmt doch gar nicht mit der "permanenten strukturveränderung". wir haben keine behutsame, systemische und nachhaltige strukturveränderung. es gab jahrelang ein tabu. weil die trickreich organisierte niederlage der kmk-pseudo-gesamtschule schmerzhafte wunden geschlagen hat. erst jetzt geht die veränderung wieder los, und zwar überall - wegen pisa und demografie. aber immer noch gegen die kultusfritzen. (daher halte ich ole von beusts sz-interview einen quantensprung in der debatte.)

das problem:

ohne die kohle und die freiheiten von oben nutzt die ganze initiative von unten nüscht!

@kooperativ
07.02.2010
Worüber streiten wir?

Worüber streiten wir? - und: What's worth fighting for?

Sprechen wir hier über Unterrichtsformen? Lehrervortrag versus Projektarbeit? Dann, um mit @schb (twitterstream) zu sprechen: Ist der Drops nicht schon gelutscht? Es gibt KEINE ernstzunehmende wissenschaftliche Publikation der Hirnforschung oder der Lernforschung, die der "Frontalbeladung" das Wort redet. Vorträge sind zwar anerkanntermaßen geeignet, viel Information in kurzer Zeit zu übermitteln, die Verarbeitung des Gehörten, und damit die Nachhaltigkeit des Lernens, die Verankerung in den unterschiedlichen Gedächtnissen und die retrievability, die Nutzbarkeit dieser Infomationen bei späteren Denk- und Handlungsprozessen ist aber eindeutig gebunden an eine direkte, vielschichtige und wiederholte Arbeit der Zuhörer mit den gewonnenen Informationen, also mit Unterrichtsformen, die gekennzeichnet sind durch eine hohe Eigentätigkeit der SchülerInnen.

Lehrervortrag/Unterrichtsgespräch

Die im Schulalltag übliche Kombination aus Lehrervortrag und gelenktem Unterrichtsgespräch ist nach allen Erkenntnissen der Hirn- und Lernforschung hierfür NICHT geeignet. Hier lohnt auch keine Diskussion mehr - wir können heute regelmäßig unterstellen, dass eine Position, die diese Erkenntnisse der Hirn- und Lernforschung nicht zur Kenntnis nehmen will, nicht von Dummheit - die der Aufklärung zugänglich wäre - getragen ist, sondern von Ignoranz, von einer Haltung, die sich gegen Aufklärung abgeschottet hat, weil sie schon die Zurkenntnisnahme jedweder Erkenntnisse, die ihrer Meinung abträglich sind, verweigert. Hier also lohnt kein Streit, hier lohnt lediglich die Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Gelingensbedingungen menschlichen Lernen, um die zu erreichen, die noch offenen Ohres sind.

Aber vielleicht geht es hier bei dieser Debatte ja um mehr:

Vielleicht geht es ja um die Beziehungen zwischen dem formellen und dem informellen Lernen, zwischen "Top-Down"- und "Bottom-Up"-Lernarrangements, vielleicht geht es um die Frage, welche Bedeutung heute noch der z.B. durch Fachlichkeit und Spiralcurriculum vorgegebenen Struktur des schulischen Lernens zugestanden werden muss, ob die Rolle des Lehrers noch durch seine Fachkompetenz geprägt sein darf, oder ob ganz andere Kompetenzen notwendig sind...

Wenn es um diese Fragen geht, lohnt definitiv das Streiten!

Es ist allerdings im nächsten Schritt wichtig, dass wir die Ebene bestimmen, auf der diese Fragen angegangen werden sollen. Es besteht die Gefahr, in eine philosophisch geprägte Diskussion um Begriffe zu geraten, die schnell ins bloß akademische abgleitet. Sieht man sich in der Realität unserer heutigen Gesellschaft Schulen an, die gelingen, an denen - ungeachtet vieler durch unsere Gesellschaft gesetzten Rahmenbedingungen und Einschränkungen wie Schulsystem, Segregation, Schulaufsicht - das Lernen der Schülerinnen und Schüler jeden Tag wieder gelingt, an denen erfolgreich mit der intrinsischen Motivation der Schülerinnen und Schüler gearbeitet werden kann, in der die Kinder die Gestalter ihres eigenen Lernprozesses sind und die Schule ihnen zugleich alle Hilfe bietet, die sie brauchen, um sich in der Situation und ihrer selbst sich sicher genug zu fühlen, um ihr Lernen in die eigenen Hände zu nehmen, dann kann man viele der Details erkennen, die erfüllt sein müssen, damit Kinder frei und erfolgreich lernen können.

Über die Interpretation solcher gelingender Schulbeispiele lohnt das Streiten!

Allerdings - dieser Streit wird sehr umfänglich werden. Hier nur einige der Fragen, die in diesem Streit aufkommen werden: Welche Bedeutung hat in den Beispielsschulen die Expertise (von Lehrern, von Schülern)? Wie gestalte ich eine 'sichere Lernumgebung'? Welche Kompetenzen brauchen Lehrer in solchen Zusammenhängen? Wie heben diese Schulen lernschädliche Einflüsse (z.B. Noten, Jahrgangsklassen, Rhythmisierung etc) auf bzw. reduzieren ihren collateral damage? Liegen diesen Schulen gemeinsame Vorstellungen, Menschenbilder, Bildungsvorstellungen, Rollenverständnisse in der Gesellschaft zu Grunde? Was ist zu tun, damit mehr Schulen diese Wege einschlagen (können)? Ich würde mich über eine solche Diskussion sehr freuen...

Maik Riecken
07.02.2010
Föderalismus beachten!

Schau dir mal an, was in Niedersachsen und anderen BL gerade strukturell geschieht - wir sind bildungstechnik zentralistisch-föderal organisiert. So erklären sich unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen. Von "behutsam" & "tabu" würde ich da nicht sprechen. Die Frage ist, ob diese Strukturveränderungen einen Sinn hinsichtlich unserer(?) Anliegen machen. Die Gesamtschule hat m.E. nicht nur die Politik kaputtgemacht... Daran hat auch "das Volk" kräftigst mitgesägt.

Christian Kohls
07.02.2010
@chrisimweb

Der Begriff „Frontalunterricht“ ist denkbar schlecht von mir gewählt –

ich werde ihn nicht mehr in den Mund nehmen, weil er einfach zu undifferenziert belegt ist. Da wird auch eine Begriffsdefinition oder Begriffsfindung nichts mehr nützen. Da er aber nun im Raum herumgeistert, was bleibt mir anderes als noch einmal das von mir Gemeinte zu klären. Zunächst, der Lehrervortrag wie er in der Feuerzangenbowle verballhornt wird, ist für mich eine Form des Frontalunterrichts, die ich gar nicht mehr auf dem Plan habe. Natürlich gibt es den Vortrag über die Köpfe der Schüler hinweg noch in der Unterrichtsrealität. Nur wenn ich an Unterrichtsgestaltung und Reformprozesse denke, dann kommt mir doch so eine Idee gar nicht mehr in den Sinn! Schon gar nicht auf einem EduCam

Was ich mit frotal meine

Für mich bezog sich das „Frontal“ vielmehr darauf, dass sich die Aufmerksamkeit zeitweise auf ein Medium richtet. Das kann der Lehrer sein, z.B. wenn er als Moderator in eine Diskussion Struktur bringt oder gelegentlich als Schiedsrichter auftritt wenn die Debatte aus dem Ruder läuft – inhaltlich oder verbal. Aber auch der Computer ist nicht nur Werkzeug sondern auch ein Medium. In diesem Sinne ist ein länglicher Blogeintrag für mich ebenfalls etwas Frontales.

Gebrauchsanweisung

Nehmen wir z.B. Deine Gebrauchsanweisung (man achte auf den Begriff der „Anweisung“), die mir im Übrigen sehr gut gefallen hat. Während ich sie lese sitze ich frontal vor dem Computer ohne handlungsaktiv zu werden. Natürlich setze ich mich aktiv damit auseinander und ich habe dabei auch neue Argumente gelernt. Um das von Dir Gesagte zu verinnerlichen muss ich es aber erst (gedanklich) durchspielen, d.h. ich muss aus deiner extern vorliegenden Beschreibung mein eigenes implizites Schema konstruieren. Für mich sind daher alle Formen des Inputs etwas Frontales – ein Gegenstand oder Medium mit dem ich mich kon-front-iert sehe: Texte, Bücher, Filme, Animationen, Zeitungen, Landkarten, Periodentafeln usw.

Web2.0-Angebote

Dazu gehören auch alle Web 2.0 Angebote während ich diese rezeptiv nutze. Das handlungsrelevante Wissen konstruiere ich meiner Auffassung nach immer erst wenn ich selbst etwas erarbeite, übe oder anwende. Hier unterscheiden sich die Web 2.0 Medien stark vom klassischen Textbuch, weil ich nicht nur Konsument sondern Produzent bin. Doch auch im Web 2.0 ist die reine Informationsdarbietung üblich und nicht weniger frontal: ob nun ein Wiki-Text, Blogeintrag oder TeacherTube-Video. Natürlich kann ich partizipieren, in dem ich wie hier kommentiere. Nur sollte das auch im Unterricht selbstverständlich möglich sein. Wenn ich zwischen der Anweisung und Handlung unterscheide, dann wird vielleicht etwas klarer was ich meinte: Wenn die Anweisung gut gestaltet ist, dann fällt die Handlung leichter. Oder: eine gute IKEA-Aufbauanleitung führt nicht automatisch zum fertigen Möbelstück. Und natürlich kann der begabte Bastler (also nicht ich) auch ohne Anleitung den Schrank aufbauen oder sich vielleicht sogar seinen eigenen Schrank zimmern. Anweisungen und Anleitungen halte ich für wichtig und oft (aber nicht immer) für notwendig – und sie sind in meinen Augen immer frontal. Jede Form der Aufgabe ist ja eine Anweisung. Selbst wenn ich offen lasse, wie die Schüler selbst den Satz des Pythagoras erarbeiten sollen, habe ich sie frontal angewiesen, eben diese Sachkompetenz zu erlangen.

Pythagoras

Die Frage ist jetzt, inwieweit man die Schüler anleitet, den Satz des Pythagoras zu erarbeiten und zu verstehen. Wenn ich die geometrischen Zusammenhänge einmal erkläre (und das geschieht eben frontal), mit Veranschaulichungen greifbarer mache und unmittelbar auf Nachfragen der Schüler eingehe (also nicht zeitversetzt in Foren oder ohne jegliche Möglichkeit der Nachfrage), dann haben die Schüler mehr Zeit, sich diese Kompetenz selbst zu erschließen und sich gegenseitig zu unterstützen. Wohl gemerkt: die Demonstration im Sinne einer Erklärung ist noch nicht der Lernprozess. Dieser wird erst angestoßen durch das Nachvollziehen beim Beobachten und vor allem beim eigenen Anwenden in der Übungsphase. Aber das ist nun tatsächlich eine Diskussion, die man nicht mehr führen muss – zumindest nicht wenn man ein konstruktivistisches Lernbild hat.

angeleitet vs. offen

Wenn ich mir die Existenz instruktionaler Komponenten weg lüge, dann habe ich keine Chance mehr über sie zu reden und sie zu gestalten. Ohne Instruktion benötigten wir als Konsequenz die Institution der Schulen und Hochschulen nicht mehr. Die Diskussion sollte sich daher meiner Meinung nach nicht um angeleitet vs. offen drehen, sondern um deren Zusammenspiel. Deshalb lasse ich mich auch im keine der beiden Kulturen einordnen. Sie sind beide schlimm und führen zu keinem Ergebnis. Der Frontalunterricht wie in der Feuerzangenbowle gibt überhaupt keinen Raum, sich Wissen selbst zu erschließen. Ein Raum, der aber alles offen lässt ist, wird nur zufällig zur Konstruktion „angemessener“ Wissensstrukturen führen. Aus diesem Grund ist es nötig, die erfolgreichen Methoden zu kennen, passend auszuwählen, richtig einzusetzen und eben offen für neue Formen - wie sie durch Web 2.0 Technologien oder digitale Tafeln aufgrund der einfachen Bereithaltung und Restrukturierbarkeit von Informationen sowie der Multimodalität möglich werden – zu sein. Hier ist Experimentierfreude gefragt. Nun habe ich hier auch einen etwas längeren „Vortrag“ halten/schreiben müssen, um mein begriffliches Verständnis von frontal zu differenzieren. Aber – und das ist meine Einsicht hier – wenn man 2 Seiten benötigt, um einen Begriff zu klären, dann sollte man ihn vielleicht lieber nicht in den Mund nehmen. Lebe und Lerne :-)

Schaumburg
07.02.2010
Wozu lernen wir?

cif schreibt weiter oben in den Kommentare: "ohne die kohle und die freiheiten von oben nutzt die ganze initiative von unten nüscht!"

Das ist richtig - wird aber oft als Vorwand vorgeschoben, die "da oben" sollten sich doch zuerst mal bewegen bevor ich loslege. Nein, das klappt nicht und führt zu dem starren und abwartenden Strukturen, wie wir sie heute im Schulsystem finden.

Wichtig für Schulentwicklung und neue pädagogische Wege sind die Lehrenden - genauer: Ihre eigene Motivation. Nur wenn sich in einem Kollegium eine kritische Masse findet, die mit dem Bestehenden unzufrieden ist und etwas Neues wagen möchte, kann Veränderung dauerhaft erfolgreich gelingen. Leider ist dies viel zu selten der Fall. Dass es aber nicht unmöglich ist zeigen verschiedene "Leuchttürme" quer durchs Land.

ciffi hat in einem älteren Beitrag in der taz Frau Rasfeld zitiert, die als wichtigste "Innovation" ihrer Schule die Frage formuliert, die sich alle Lehrenden stellen sollten: Wozu lernen wir? Wozu sind wir überhaupt da? Was sind die Herausforderungen der Zukunft?

Wenn ein Kollegium darüber beginnt nachzudenken ist die "Frontallappenbeladung" Geschichte.

Damian Duchamps
21.04.2010
Schulreform & Unterrichtsreform

Beides, Schul- und Unterrichtsreform lässt sich sicher trennen und wird in der Praxis fast oft so gehandhabt. Schulen, die die Notwendigkeit erkennen, verändern Unterricht, auch wenn sich das Schulsystem nicht bewegt. Genaus schlagen sich Veränderungen des Schulsystems nicht unbedingt in Veränderungen von Unterricht nieder. Meiner Meinung nach kann aber Schule den Gewinn aus einer Veränderung von Unterricht nie voll ausschöpfen, wenn sich nicht auch das Schulsystem verändert und die unsinnige Selektion und Differenzierung, die wir betreiben, in spätere Schuljahre verlegt oder im Bereich der Sek. I gänzlich aufhebt.

Was Veränderung von Schule von unten angeht. Da gibt es nur einen Weg. Macht an den Schulen, was ihr für richtig haltet. Das Beispiel Grundschulen hat gezeigt, dass es geht. Dort hat man jahrelang an Vorgaben von oben vorbei getan, was pädagogisch am sinnvollsten ist. Nicht umsonst sind Grundschulen heute, was das Lernen angeht, am weitesten entwickelt in unserem Land. Die Politik vereinnahmt die Ergebnisse dieser Entwicklung dann für sich und macht daraus neue Schulgesetze.

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