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04.05.2010
21:45

Abschied von den Patriarchen: Die Reformpädagogik emanzipiert sich

Blick über den Zaun blickt in den Abgrund

Der "Blick über den Zaun" (BÜZ) ist der moderne reformpädagogische Think Tank der Republik. Rund 100 Schulen, die man getrost als die besten der Republik bezeichnen kann, in Wettbewerb und Kooperation um die beste Pädagogik.

Dennoch hat der Blick über den Zaun gerade den Blick in den Abgrund gewagt: Beim ersten Treffen seit dem Skandal um den Ex-Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker wollte die Führung des BÜZ das Thema von der Tagesordnung fernhalten - eine absurde Idee, der die BÜZ-Mitglieder einen Strich durch die Rechnung machten. (Siehe auch taz)

Am Ende diskutierten die Reformschulen heftig und scharf über den Odenwaldpuff, zu dem sich die einst wichtigste deutsche Reformschule unter Gerold Becker offenbar entwickelt hatte. Im Odenwald war es, in einigen Familien, scheinbar normal, dass sich Lehrer von ihren Schülern befriedigen ließen.

Die BÜZ-Mitglieder verabschiedeten eine Bensberger Erklärung (siehe Auszüge unten), in der sie Vorgänge im Odenwald vor 25 Jahren erfreulich scharf kritisierten. Wie zweischneidig es dennoch war, lässt sich vor allem an zwei kleinen Momentaufnahemn zeigen.

Zunächst bezog sich die hohe Bremer Bildungsbeamtin Cornelia von Ilsemann positiv auf Gerold Becker, weil er bei der Konzeption der neuen Bremer Bildungspolitik mitgemacht hatte. Dem pädagogischen Leiter der Odenwaldschule, Uwe Koltzsch, verschlug es die Sprache: 

Wir empfinden es als Unerträglichkeit, wenn man Gerold Becker immer noch als wichtigen Repräsentanten der Reformpädagogik zitiert.“ 

Man fragt sich: Wie kann eine so kluge Frau in einem so differenzierten Vortrag Gerold Becker zitieren - ohne ein einziges Wort der Einordnung?

Bei der Verabschiedung der Erklärung dann ein weiterer Schreckmoment. Einer der BÜZ-Teilnehmer meldet sich und plädiert dafür, einen Satz aus der Erklärung ersatzlos zu streichen. Er lautet:

„Falsch verstandene Kollegialität darf und wird uns daran nicht hindern.“ Woran? Übergriffen vorzubeugen und Gewalt aufzuklären. 

Das BÜZ-Plenum wehrte das Ansinnen glücklicherweise ab. Aber es ist interessant nachzusehen: Was bedeutete denn dieses Ansinnen? Der Satz in der Erklärung heißt übersetzt so: 

Wenn wieder so etwas vorkommt wie im Odenwald, dann ist es nicht mehr wichtig, wie toll oder berühmt der Lehrer und der Rektor sind, dann helfen wir Euch Schülern!  

Diesen Satz wollte jemand streichen. Vier Wochen, nachdem aus dem Odenwald so ungeheuerliches berichtet wurde.

Dass der BÜZ die Bensberger Erklärung zustande brachte ist enorm wichtig.

Dass es solche Einwände dagegen gibt, lässt einen schaudern.

Die Erklärung in Kurzform:

Blick in den Abgrund

Die Reformschulen „Blick über den Zaun“ verurteilen die sexuelle Gewalt in ihrer Gründungsschule im Odenwald. „Wir sind erschüttert und beschämt darüber, dass Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt auch in Schulen widerfahren ist, die sich auf unsere pädagogischen Prinzipien verpflichtet haben.“ Sie versprechen, Übergriffen vorzubeugen und Gewalt aufzuklären – ohne Rücksicht. „Falsch verstandene Kollegialität darf und wird uns daran nicht hindern.“ Der Versuch, diesen Satz ersatzlos zu streichen, wurde abgelehnt.

Der „Blick über den Zaun“ ist ein Netzwerk von rund 100 Reformschulen, die sich reformpädagogischen Prinzipien verpflichtet fühlen. Dazu zählt die Abkehr vom Frontalunterricht, der Kinder überfordert oder langweilt. Die Praxis, das Kind zum Subjekt seines Lernprozesses zu machen. Und die Idee einer demokratischen Schule. Die Schulen bekennen sich dazu in ihrer Bensberger Erklärung dazu, diese Prinzipien „immer wieder in ihren Schulen zu thematisieren und im Alltag zu verankern. Wir werden mit vermehrter Aufmerksamkeit auf mögliche Verletzungen achten, Kinder und Jugendliche stärken.“

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26.03.2010
12:43

Knabenliebe nicht im Wochenplan

Das pädagogische Problem der Bundesrepublik sind nicht die Handvoll Reformschulen, sondern die unreformierbare Staatsschule

Kein Tag ohne neue Enthüllung. Mit ekelhaften Details wird uns allen vor Augen geführt, wie Pater und Pädagogen ihre Macht über Schüler benutzen – um sich zu befriedigen. Wir müssen den Opfern genau zuhören, um zu verstehen, was es möglich gemacht hat, dass jemand Schutzbefohlene zum Objekt sexueller Interessen degradiert. Das ist schmerzhaft.

Aber wenn die Fälle zu irgendetwas nutze gewesen sein sollten, dann dazu: Die heute 40- bis 60jährigen Missbrauchten können uns Hinweise geben, wie man Kinder und Jugendlichen schützen kann, die sich in Schulen Päderasten gegenüber sehen.

Der zweite Blick muss auf das Datum des Missbrauchs richten, über den wir debattieren: 1970ff. Wir sollten nicht vergessen, dass wir 2010 schreiben. Wer sich von den Fällen in Berlin, St. Blasien und Ober-Hambach zu sehr fesseln lässt, wird leicht übersehen, dass es sich beim Kolleg St- Blasien und der Odenwaldschule heute um ganz andere Einrichtungen handelt. Zeiten ändern sich.

Kein weltabgewandtes Kloster

St. Blasien ist kein weltabgewandtes Kloster im Hotzenwald mit folterkammerähnlichen Verliesen. Es ist nicht mal mehr ein reines Internat, sondern ein öffentliches Gymnasium, das 580 SchülerInnen besuchen, die meisten von ihnen halbtags. Und das Landerziehungsheim Odenwaldschule ist kein Bootcamp für Päderasten, wo der böse Geist des pädophilen Gustav Wynekens spukt. Nein, in der heutigen Odenwaldschule leben junge Lehrer mit eigenen kleinen Kindern, Lehrer, die nicht wenig genervt sind von dem anstrengenden 24 Lehrer- und Erzieherjob, den der Gründer und Knickerbockerträger Paul Geheeb ihnen beschert hat.

Beide Schulen sind herkömmlichen staatlichen Schulen übrigens weit voraus – jedes auf seine Art.

Das Kolleg St. Blasien dürfte die erfolgreichste deutsche Fundraising-Schule sein. Dort wird alle paar Jahre investiert und modernisiert. Was das mit den Verhältnissen zu tun hat? Unendlich viel. Denn es macht eben einen Unterschied, ob eine Schule ein neues Musikhaus, ein frisch renoviertes Mädcheninternat, eine topmoderne Bibliothek besitzt und damit Schritt für Schritt mehr die Gestalt eines Colleges annimmt. Oder ob es als ein patergeführtes Kloster mit angeschlossener Schulbank definiert wird. In St. Blasien lehren heute eher zu wenige als zu viele Jesuiten. Das Problem St. Blasiens ist, wenn man das sagen darf, nicht etwa eine systematische Pädophilie, sondern der kleinkarierte 45-Minutentakt, der dieses Kolleg daran hindert, weit voraus ins 21. Jahrhundert zu springen.

Im Odenwald wurde vor 100 Jahren das liberalste der Landerziehungsheime gegründet. In den bemoosten Häusern am Waldhang leben nicht nur schnöselige reiche Kinder, deren Eltern sich 26.000 Euro Schulgeld im Jahr leisten können. Dort sind viele arme Kinder zuhause. Schüler, die vor Vernachlässigung und Verwahrlosung in Sicherheit gebracht werden, die sie bei ihren überforderten Eltern erleiden.

Sicherer Hafen

Das ist die eigentliche Tragödie der Debatte um die Odenwaldschule:

Während die halbe Nation auf die Schandtaten eines im Sterben liegenden Reform-Pädophilen in Berlin starrt und Kuschelpädagogik ganz neu definiert, werden deutsche Jugendämter den Odenwald nicht mehr als sicheren Hafen für vernachlässigte Kinder anwählen.

In der Unterstufe der Odenwaldschule haben zehn von 14 Kindern einen diagnostizierten Förderbedarf. Es gibt nur eine Handvoll Schulen in Deutschland, die mit solchen Kindern überhaupt arbeiten können. Die Lehrer im Odenwald können es ganz sicher.

Das ist kein Plädoyer, die Reformpädagogik zu entlasten. Die Missbrauchskrise wird in einer Revision dieses sehr deutschen Zweigs der Pädagogik münden. Das ist gut so, denn manche Vorstellungen der Reformpädagogen sind versponnen, ja abwegig und inakzeptabel. Rudolf Steiner war judenfeindlich und esoterisch, Hermann Lietz nationalkonservativ und antisemitisch, Peter Petersen antisemitisch und unfähig, sich von den Nazis fernzuhalten.

Wissen mit Gewalt verabreicht

Wie kam man dann überhaupt auf die Idee, sich auf diese Sonderlinge zu berufen? Dazu muss man sich vor Augen führen, wir brutal deutsche Schulen waren, ehe Reformpädagogen wie Ellen Key eine Pädagogik vom Kinde aus dachten.

Schulen waren Prügel- und Zwangsanstalten. Schüler wurden gehalten wie Hühner in Massenverschlägen, Wissen wurde mit Gewalt verabreicht. Noch kurz nach dem 2. Weltkrieg führte Bayern die Prügelstrafe wieder ein.

Nur so ist verstehbar, warum nicht wenige Deutsche sich und ihre Kinder in teils versponnene Schulkonzepte flüchteten. Allerdings: In ihnen stand erstmals nicht die Institution, sondern das Individuum im Mittelpunkt. Das war ein fundamentaler pädagogischer Perspektivwechsel – und allein er macht die Stärke der Reformpädagogik aus.

Wer von der Theorie der Reformpädagogik des 19. Jahrhunderts aus ein Urteil über die Praxis heutiger Alternativschulen fällt, sollte daher acht geben. Viele Abrechnungen dieser Tage übersehen, dass moderne Reformschulen wie etwa die Schulpreisträgerschulen ihren Lernplan nicht nach dem wirren Skript vieler Reformpädagogen schreiben.

Knabenliebe, pardon, steht dort nicht auf dem Stundenplan.

Es gibt überhaupt keinen Stundenplan mehr, weil eben nicht Fächer, sondern Kinder unterrichtet werden. Die modernen Schulen gründen ihre pädagogische Vorstellung auf der Kreativität und Selbstbestimmtheit des einzelnen Kindes. Sie sehen Kinder als die Quellen neuen Wissens. Vorbild dieser Reformschulen sind Arbeits- und Erkenntnisprozesse des 3. Jahrtausends – aber nicht Waldschrate, die ihren Hosenstall nicht zubekommen.

Pädagogisches Verbrechen

Die Lehrer von Reformschulen müssen im Umgang mit Kindern entscheidend an Macht und Direktivgewalt abgeben. Sie werden Lernbegleiter. Daher ist es auch ein pädagogisches Vebrechen, was Gerold Becker im Odenwald getan hat. Er hat sich im Gewande des verständnisvollen Lehrers und Freundes seinen Schülern auf Augenhöhe genähert – um ihr Abhängigkeitsverhältnis sexuell auszunutzen, nun wieder als ihr Chef.

Und es ist nicht zu fassen, dass der bedeutendste deutsche Pädagoge der Nachkriegszeit, Hartmut von Hentig, dieses Schema „seines Freundes“ nicht etwa entlarvt, sondern zu bagatellisieren und wegzureden versucht.

Dennoch ist die Post-Becker Debatte um die Reformpädagigik auch absurd. Denn das pädagogische Problem der Bundesrepublik sind nicht die Handvoll Reformschulen. Es ist die überwältigende Mehrheit der 30.000 staatlichen Schulen. Sie prügeln zwar nicht mehr – aber den Paradigmenwechsel von der Institution zum Kind haben sie nicht mitbekommen, geschweige denn vollzogen. Sie entlassen jeden fünften Schüler ohne Leseverständnis, sie arbeiten mit frontalen Lehrmethoden, die geradezu prähistorisch sind. Und sie zeigen sich als reformresistent. Das heißt, wir brauchen zugleich eine radikale Kritik der alten Reformpädagogik – und dringend eine neue Reformpädagogik, um verkrustete Schulen für das 21. Jahrhundert fit zu machen. 

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26.09.2009
11:19

neue schule wolfsburg: wermutstropfen in den vw-jubel

Dzeko, und Grafite vs. Schule

Heute wird die Neue Schule Wolfsburg mit viel Tamtam eingeweiht. Diese Schule ist ein Geschenk von VW an die Stadt Wolfsburg. Das Ehepaar Piech wird der Schule im Lauf des Tages einen VW-Transporter schenken. 

Diese Meldung hinterlässt pisaversteher wie alle Freunde des modernen Lernens mit gemischten Gefühlen. Ja, es ist wunderbar, dass es diese Schule gibt. Hier wurde mit intelligenten Leuten ein Konzept für die Zukunft entworfen. In der Schule arbeiten engagierte PädagogInnen, die Erfahrung mit dem inidviduellem Lernen haben. Mit Helga Boldt wurde ein hevorragende Rektorin gewonnen. Das Schulgeld ist bezahlbar, und man hat keine Eliteschmiede für VW-Bosse daraus gemacht. Man wird von dieser Schule viel lernen können. Und natürlich ist es gut, dass VW hinter dieser Schule steht.

Aber wieso muss der VW-Konzern eigentlich so viel Wind machen FÜR EINE NEUE SCHULE?

Es ist und bleibt EINE Schule, die der größte Autobauer Europas da für drei Jahre grundfinanziert. Die Bilanzsumme des Konzerns, der Nutzen, den er aus den Mitarbeitern in Wolfsburg und der Stadt zieht, steht in keinem Verhältnis zu dem Engagement an der Neuen Schule.

VW fördert das richtige Konzept, aber VW ist zugleich mickrig.

"Wir fördern hier ein Schulkonzept, das Neugier, Forschergeist und Freude am Lernen in den Mittelpunkt stellt", sagt der Personalvorstand von VW heute. VW wird sich noch umgucken, dass es schneller und energischer fördern muss - sonst gehen ihm die qualifizierten Arbeiter aus, um aus VW den größten und intelligentesten PKW-Hersteller der Welt zu machen. In der Region Salzgitter hat - auch für VW - der Kampf um die wenigen verbliebenen Kinder bereits begonnen. 

Mit einer neuen Schule wird man den war for talents nicht gewinnen.

VW gibt für diese Schule wahrscheinlich rund eine Million Euro aus, wenn überhaupt. pisaversteher findet,

der einzige Rohstoff, den das Land hat, Wissen und kreative Kinder, sollte VW so viel Wert sein wie, sagen wir, das Jahressalär von Edin Dzeko oder Grafite.

Dann wäre den Schulen mehr geholfen.

 

 

 

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