Die Wahrheit der Odenwaldschule
Die Bedürfnisbefriedigungsanstalt
Oben im Wald stehen Menschen. Sie sind nah beieinander. Immer wieder tritt ein Gruppe vor, Arm in Arm. Einer wirft einen Zettel ins Feuer. Um seine Sorgen loszuwerden. Es lodert auf, kurz fällt der Schein auf ein Skulpturen- Tryptichon. Ein Mann umarmt eine Frau. „Entschuldige, ich habe nicht hingeschaut,“ sagt er in Tränen.
Oben im Wald endet mit minutenlangen Umarmungen der Abend der Wahrheit an der Odenwaldschule. Über drei Stunden lang sitzen rund 200 Menschen in der alten Turnhalle – und geben sich gegenseitig Zeugnis von Vorgängen, die man nicht für möglich gehalten hätte an einer Schule, die vorgab, ihre Kinder in den Mittelpunkt zu stellen.
Nicht verstehen, endlich zuhören
„Ihr wollt immer verstehen! Hört auf, verstehen zu wollen. Hört euch endlich mal an, was passiert ist.“ Der Mann schreit. Obwohl er gleichzeitig glasklar ist und vollkommen rational. Er brüllt seinen Schmerz hinaus, einen Schmerz, den ihm 20 Jahre lang niemand abgenommen hat.
„Wisst ihr, wie es sich anfühlt, wenn man als 13-jähriger nachts aufwacht. Aufwacht, weil Gerold einem den Schwanz lutscht. Aber nicht so, wie es Erwachsene tun, um Lust zu empfinden. Sondern wie ein Berserker lutscht. So dass man Angst hat, er beißt einem den Schwanz ab. So bin ich nachts um drei geweckt worden. Und ich war 13.“
Die Menschen, die das anhören, winden sich. Sie möchten vor der Hitze in der Turnhalle davon laufen. Sie möchten fliehen vor der Schilderung der Wahrheit. Es sträubt sich alles in ihnen, zu glauben und anzunehmen, dass dies alles nicht etwa in einer schmutzigen Absteige an irgendeinem Großstadtbahnhof geschah, sondern an der Odenwaldschule Oberhambach. Dem Vorzeigeinternat, der bevorzugten Reformschule der liberalen Nachkriegselite Deutschlands. Einer Schule, deren Motto war: „Werde, der du bist.“
„Ich war das aber nicht“, sagt einer der Betroffenen oben auf der Bühne, „es kam nicht von mir. Ich habe es hier gelernt, dass es normal ist, zu einem Erwachsenen ins Bett zu steigen. Ich war neun Jahre alt, als ich hier ankam.“
Drüben im Bürohaus der Odenwaldschule hat noch vor einer Stunde ein Altschüler gefragt, ob die Aufklärung nicht ein bisschen einseitig verlaufe. „Kann man jedem alles glauben? Ich frage ja nur: Wo gibt es einen zweiten Zeugen?“
Zweite, dritte und mehr Zeugen
In der Turnhalle, in der Bruthitze gibt es zweite und dritte und vierte Zeugen. Einer berichtet, wie ihn Wolfgang Held gestreichelt hat. Einer macht deutlich, dass ihn Gerold Becker vergewaltigt hat, und dass er ihn inzwischen hasst. Einer berichtet, dass ihn Jürgen Kahle onaniert hat. „Ich habe es geschehen lassen, aber ich bin am nächsten Tag zu ihm und habe gesagt, dass ich das nicht möchte.“ In einem beinahe literarischen Text, den der Moderator des Abends, Johannes von Dohnanyi, vorliest, wird die quälende tägliche Prozedur des Weckens berichtet. Pfarrer Gerold Becker rieb den Halbwüchsigen den Penis, um sie zur Schule zu rufen. "Jeden Tag, jeden verdammten Tag. Nur am Tag des Herrn ließ er uns ausschlafen."
"Jetzt Nein sagen?"
Wie die Jungen sich dreimal überlegen, ob sie duschen, weil der Schulleiter sofort in die Dusche drängt. „Jetzt nein sagen?“, heißt es immer wieder in einem verlesenen Text. Um ihnen zu zeigen, wie man sich das Glied wäscht. „Jetzt Nein sagen?“ Und wie sich Becker an ihnen entlädt. „Wozu jetzt noch Nein zu sagen!“
Man fragt sich, je länger der Abend dauert: Was war die Odenwaldschule unter Gerold Becker eigentlich: Eine Schule, in der es zu Missbräuchen kam? Oder eine Bedürfnisbefriedigungsanstalt, die nebenher auch ein wenig Schule machte? Und was sagen die Lehrer dazu?
Es sind viele Pädagogen da. Auch solche, die unter Gerold Becker bereits an der Schule waren. Allesamt beteuern sie, dass sie nicht gemerkt hätten, was geschah. Und weil niemand das glauben kann, werden die Fragen jetzt schärfer, der Abend der Wahrheit verwandelt sich für Momente in ein Verhörzimmer. „Du hattest doch ein Verhältnis zu einer 18-jährigen Schülerin“, sagt ein ehemaliger Schüler zu einem Lehrer. „Ist es da ein Wunder, dass du nicht aufklären wolltest. Das war doch das Bonbon für Euch Lehrer. Ihr hatte Eure Freiheiten, dafür ließt ihr Gerold in Ruhe.“
"Ja, ich hatte ein Verhältnis zu einer Schülerin"
Der angesprochene Lehrer steht plötzlich im Zentrum. Wut steigt in den Leuten auf, der Mann zittert. Nun ist alle Aufmerksamkeit bei ihm, es ist ein Mitläufer identifiziert. Doch er läuft nicht weg. Er lässt sich ein Mikrofon geben. Er antwortet sehr knapp, sehr präzise. Er sagt, erstens und zweitens. Er sagt. "Ja, ich hatte ein Verhältnis." Man hört, wie er anfügt: Was habe das eine mit dem anderen zu tun?
„Du willst deinen Arsch retten?“ brüllt jetzt einer, der keine drei Schritte hinter ihm steht. Vorne kreischen ein paar Frauen vor Wut auf den Mann, der gerade zugegeben hat vor 200 Menschen, dass er mit einer erwachsenen Schülerin geschlafen hat. Die Menge entlädt ihre Wut auf diesen Mann, es gibt Geschrei. Angst macht sich breit – da sagt oben auf dem Podium Salman Ansari beinahe sanft:
„Das geht nicht! Hört auf! Wir wollen hier die Wahrheit hören. Und wenn einer sie sagt, dann, bitte, hört ihm zu.“
Salman Ansari war selbst Lehrer auf der Odenwaldschule. Seit 1999 zum ersten Mal herauskam, das es Missbrauch gab, richtete er bohrende Fragen an seine Kollegen. Sie haben ihn geschmäht, als Judas und Verräter bezeichnet. Sie haben ihn ausgestoßen. Jetzt schützt Ansari jene, die zu sprechen bereit sind.
Auf dem Podium sitzt ein Psychoanalytiker. „Es ist die Urangst des Menschen ausgeschlossen zu werden. Einsam zu bleiben.“ Das hindere die Lehrer am Sprechen.
Kurz danach wird ein zweiter Lehrer enttarnt als einer, der ein Verhältnis zu einer Schülerin hatte. Er war bekannt und gefürchtet für seine beißenden Witze. Nun verhaspelt er sich. Dann sagt er zu einer Sentenz, die damals so vielen die Augen geöffnet hatte: „Das war doch ein Witz. Ich hatte doch keine Ahnung, dass die Wirklichkeit meinen Witz noch übertraf! Wenn ich das geahnt hätte, dann ich ich den Witz doch nie gemacht!“
Es geht blitzschnell, man durchschaut nicht mehr jede Volte, jedes selbstverräterische Detail. Da sagt Johannes von Dohnanyi zu dem Mann: „Du hättest also geschwiegen?“ Der Lehrer hat auch nicht wirklich verstanden, er piepst:
"So lasst mir doch mein Unterbewusstes. Und wenn ich gewusst hätte, was geschah, dann hätte ich es nicht gesagt“, offenbart er. „Ich hätte Angst gehabt, dass die mich anzeigen.“
Es ist die einzige smoking gun, die die Wahrheitskommission heute hinaustragen wird. Ein dürres Sätzchen, das dennoch den ganzen Verrat an den Schülern zeigt: Ein Lehrer befürchtet Strafverfolgung, wenn er offenbart, dass Kriminelles mit halbwüchsigen Schülern geschieht. Nicht die Schüler schützt er, sondern sich und die Täter.
„Wir haben uns nur um uns selbst gekümmert“, sagte Salman Ansari gleich zu Beginn des Wahrheitsabends. „Die Kinder waren zweitrangig.“ Jetzt, drei Stunden später verstehen viele, was er gemeint hat. „Wir stritten uns über unsere Ideologien von Erziehung. Wir waren fraktioniert in zwei Gruppen, wir waren die ganze Zeit mit uns selbst beschäftigt. Und Gerold Becker hat es genossen, uns zu teilen in Kinderfreunde und Kinderfeinde. Wie kann das sein an einer Schule, die versprochen hat, sich um Kinder zu kümmern?“
Aber die Lehrer, die nun reihum auf die Anklagebank gesetzt werden, sie verstehen das nicht. Oder wollen es nicht verstehen, was das Ethos eines Lehrers sein könnte. Sie sagen in endlosen Schleifen, niemand hat mich vorbereitet auf meine Aufgabe, niemand hat mir gesagt, was ich tun soll. Ich schwöre, ich habe nichts bemerkt. Sie sagen Ich, ich, ich. Ich kann nichts dafür.
„Ich höre immer nur Gerold Becker“
„Ich höre immer nur Gerold Becker“, sagt ein Ex-Schüler, „aber was ist denn mit Euch Lehrern? Das kann ich nicht glauben. 30 Prozent von Euch hatten doch sexuelle Verhältnisse mit Schülern.“ Und einer der Betroffenen brüllt so laut, dass es einen schaudert, „wir laut sollen wir denn noch schreien, dass ihr uns zuhört!“
Da sagt hinten einer der ehemaligen Lehrer, leise. „Es tut mir leid, dass ich nichts gesehen habe. Bitte, entschuldige."
Oben im Wald sieht man, wenn das Feuer auflodert, die Skulptur. Drei Metter ist sie hoch. Eine große Hand aus Metall, der ein Finger fehlt. Ein Baum, der keine Krone mehr hat. Ein Pflänzchen, dass wieder wachsen soll.
männer als täter und opfer
Die Odenwaldschule versucht Geburtstag zu feiern
Vielleicht sollten Schulen einfach ihre Schüler ernster nehmen. Auch die Odenwaldschule, die sich bereits vor 100 Jahren ins Programm geschrieben hat, dass sie eine Pädagogik vom Kinde aus praktizieren möchte. Die Schüler der Odenwaldschule haben jedenfalls eine Ideenwerkstatt veranstaltet. Darin forderten sie „eine interne Vertrauenspersonen für aktuelle Fälle.“ Dafür formulierten sie zwei Voraussetzungen: Die Vetrauenspersonen dürfen keine Lehrer sein - und sollen der Schweigepflicht unterliegen.
Die Schüler haben bei dieser Regel gar nicht an die vielen Missbrauchsfälle gedacht, die – wie jetzt herauskommt - seit 1966 an der OSO geschahen. Sie stellten die Forderung an eine ideale Schule. Genau das also, was die von Paul Geheeb in Oberhambach gegründete Schule sein wollte.
Täterstrategien
Das OSO-Jubiläum freilich wurde zu einem bedrückenden Fest. In einem Expertenhearing zum Missbrauch in der Gesellschaft wurde klar: Pädophile suchen gezielt nach Kindergruppen, es gibt regelrechte Netzwerke und ausgefeilte Täterstrategien, um an ihre Opfer heranzukommen. Ideal dafür sind Orte, wo viele Kinder zusammenkommen: Vereine, Spielplätze, Kindergärten und Schulen. „Pädophile verabreden sich im Netz, um in bestimmte Sportvereine einzutreten – weil die nicht so genau hingucken beim Missbrauch“, berichtete etwa Weiss von der Deutschen Sportjugend, die sich dem Thema sexualisierte Gewalt schwerpunktmäßig widmet.
Es ist als würde der Gesellschaft die Unschuld geraubt. Nach dem Bekanntwerden Hunderter Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen und an der Odenwaldschule Oberhambach, beschäftigt sich die Öffentlichkeit wie nie mit dem Thema. Das Nottelefon, das die Unabhängige Beauftragte für Missbrauch, Christine Bergmann eingerichtet hat, steht unter Hochdruck. Seit April gibt es 700 schriftliche Berichte und 800 telefonische.
„60 Prozent derer, die sich melden, reden das erste Mal über den Missbrauch“, sagte Bergmann, die von der Bundesregierung berufen wurde. Viele sind froh, dass ihnen zum ersten mal zugehört werde - und sie anerkannt werden.
Auch an der Odenwaldschule zeigte sich, dass es beinahe professionelle Täterstrategien und Schutznetzwerke gibt. Aus den Berichten, die der Schule vorliegen, zeigt sich, dass Lehrer der angesehenen Einrichtung gezielt mit Noten Kinder zum Schweigen brachten oder auch für Sex belohnten. Als ein Gruppe von Schülern zwischen 8 und 12 Jahren sich schon 1966 an den Schulleiter wandte, wurde nur einer der beiden Täter von der Schule geworfen – und der Schüler, der als Sprecher der Gruppe auftrat. Die Aufklärerin der Schule, Claudia Burgsmüller, sagte, „dass es energischen Widerstand der Schüler gegen den Missbrauch gegeben hat.“ Aber dieser Widertsand sei systematisch gebrochen worden.
Die pädophilen Wurzeln der Odenwaldschule wurden offenbar nicht aufgeklärt, sondern benutzt. (Siehe auch taz über Paul Geheeb und Gustav Wyneken)
Männer schweigen als Täter - und als Opfer
Männer sind aber nicht nur Täter, sie sind auch Opfer – und eine besondere Problemgruppe. Männern und Jungen fällt es besonders schwer, über erlittene sexuellen Übergriffe zu berichten. Männer äußern sich bei Bergmanns Stelle häufig schriftlich und sie berichten über Fälle, die teilweise sehr lange zurück liegen. Julia von Weiler von der Organisation innocence in danger und Christine Bergmann berichteten übereinstimmend, dass es zu wenig Beratungs- und Therapieplätze für Männer gebe. „Es fehlen Einrichtungen, die sich im Männer und Jungen kümmern“, so Bergmann.
Erschreckende Kinderärzte-Erklärung
Auch Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf medizinische Versorgung nach Facharztstandard.
[Siehe besonders 1.2. Chancengleichheit, soziale Brennpunkte etc]
1.1. Bestmögliche gesundheitliche Versorgung aller Kinder und Jugendlichen – Nein zum Primärarztsystem nach § 73 b
Seit 1925 gibt es Kinderärzte im ambulanten Versorgungsbereich. Die Gesundheitspolitik der Bundesregierung ist seit Januar 2009 auf die Einrichtung eines Primärarztsystems in Deutschland ausgerichtet, in dem der Hausarzt die Funktion eines „Lotsen durch das Gesundheitssystem“ übernehmen soll. Ein System, dass sich in anderen Ländern nicht bewährt hat. Den Allgemeinärzten wird hier eine herausragende Position auch in der ärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen eingeräumt, ohne dass sie durch entsprechende Inhalte während ihrer Weiterbildung darauf entsprechend vorbereitet wurden. Die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b SGB V berücksichtigen die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen nur sehr unzureichend. Auch Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf medizinische Versorgung nach Facharztstandard. Der Facharzt für Kinder- und Jugendliche ist der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit einer eigenständigen Weiterbildung von mindestens 5 Jahren.
Der BVKJ verlangt entsprechend den gesetzlichen Möglichkeiten separate Verträge zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen, um weiterhin eine fachlich optimale Versorgung zu gewährleisten, erhebt aber keinen Alleinvertretungsanspruch. Allgemeinärzte haben bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen andere Aufgaben als Kinder- und Jugendärzte mit ihren speziellen Kenntnissen der kindlichen Entwicklung in den verschiedenen Alterstufen, den Besonderheiten chronischer Erkrankungen in diesem Alter, den kognitiven Störungen und den Besonderheiten bei Jugendlichen im Rahmen der Pubertätsentwicklung.
1. 2. Chancengleichheit für alle Kinder
„Das Wohl des Kindes ist ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies gilt auch für andere Bereiche unserer Gesellschaft. Wir Kinder- und Jugendärzte beobachten mit Sorge, dass in Deutschland Kinder nicht ausreichend zu essen haben und Hunger leiden müssen. Die Hartz IV-Regelsätze für ein Kind bis zum Alter von 14 Jahren sind zu niedrig. In Deutschland beziehen etwa 1,6 Millionen Kinder Hartz IV-Leistungen, sie sind erheblich gegenüber anderen Kindern aus wirtschaftlich besser gestellten Familien benachteiligt. Das hat auch das Bundessozialgericht so gesehen.
Wir haben die Politik bereits seit Jahren aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen diese Armut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Dies ist bisher nicht geschehen. Die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung zur Konsolidierung des Haushalts, dessen Schieflage Kinder und Jugendliche ganz sicher nicht zu verantworten haben, zeigen nicht, dass man wirklich gewillt ist, mit Nachdruck für Chancengleichheit zu sorgen und besonders die Kinder und Jugendlichen, die in ihrem Elternhaus nicht entsprechend ihren Möglichkeiten gefördert werden, umfassend bereits ab dem Krippenalter in allen Bereichen zu fördern. Die Gesellschaft muss Ihnen bestmögliche Entwicklungsperspektiven geben, damit sie nicht, wie vielfach ihre Eltern, dauerhaft von sozialen Transferleistungen abhängig sind. Wer soll eigentlich die horrenden Staatsschulden in Zukunft bezahlen, wenn aufgrund unzureichender Förderung im Vorschulbereich bis zu 10 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen? Die Mittel, die in die frühkindliche Bildung gesteckt werden, zahlen sich auf Dauer mit Zins und Zinseszins aus. Vernachlässigt man allerdings diesen wichtigen Bereich in einer Gesellschaft, wird es durch die später notwendigen Sozialtransfermaßnahmen um ein Vielfaches teurer.
Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten.
1. 3. Soziale Brennpunkte
Die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind dieKolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit und in der Lage, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen , da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, auch nach der Honorarreform 2009 eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Wir können bereits jetzt in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten und von einer Unterversorgung sprechen . Dies betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern alle Altersgruppen.
Kinder und Jugendliche haben, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation ihrer Eltern, einen Anspruch auf „das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies schließt ein, dass sie einen niedrigschwelligen Zugang zu allen medizinischen Leistungen haben, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen und im Gesundheitswesen in Deutschland verfügbar sind.
Der Staat hat dafür zu sorgen, dass diese Leistungen auch angemessen finanziert werden, entweder über Krankenversicherungen oder aus Steuermitteln.
In zunehmendem Maße müssen wir uns mit sozialen Problemen befassen und versuchen, in Netzwerken zusammen mit anderen Berufsgruppen die Defizite aufzuarbeiten, die Kinder aufgrund mangelnder pädagogischer Förderung im Elternhaus erleiden. Unser Staat kann es sich einfach nicht leisten, dass zahlreiche Kinder mit gutem Entwicklungspotential dahinkümmern, nicht gefördert werden und später durch mangelnde Bildungsabschlüsse und berufliche Qualifikation der Allgemeinheit zur Last fallen. Frühe Förderung ist wesentlich kostengünstiger. Dieses Engagement der Kinder- und Jugendärzte wird aber nicht bezahlt.
1. 4. Zweiklassenmedizin staatlich gewollt
Die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr führt auch bei der neuen Bundesregierung zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diesen Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung, gerade auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt. Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, besteht für gesetzlich krankenversicherte Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.
Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:
(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..
Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen!
1. 5. Kinder und Medien
Wir Kinder- und Jugendärzte müssen leider in den letzten Jahren eine ganz erhebliche Zunahme des Missbrauchs von Kindern im Rahmen von Werbung und Medienpräsenz feststellen. Unser Verband setzt sich intensiv für die Kinderrechte und gegen die Missachtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern ein. In unserer täglichen Praxis erleben wir leider in zunehmendem Maße Auswüchse solcher Missachtung dieser Rechte einer sehr verletzlichen Patientengruppe. Kinder sind keine Ware, ihr Einsatz im Rahmen von Werbung oder medialer Vermarktung muss beschränkt und nur an den positiven Aspekten auf ihre eigene Entwicklung ausgerichtet sein. Je jünger sie sind, umso eher benötigen sie unsere Fürsorge und das Bewusstsein unserer großen Verantwortung für ihre bestmögliche Entwicklung. Eltern haben nicht das Recht, ihre Kinder zu vermarkten.
Hamburg ganz unten
Über ein Viertel Schüler, die nicht richtig lesen können
Das Hamburger Abendblatt zeigt, wo Hamburgs Schule steht: ganz unten.
pisaversteher.de präsentiert die Daten aus Pisa2006 E von Manfred Prenzel noch einmal. Aus ihnen geht hervor, dass Hamburgs herrschendes Schulsystem so nicht bleiben kann.
Im Lesen und in Mathematik gibt es über 27 Prozent Risikoschüler unter Hamburgs 15-jährigen. Das heißt sie landen außerhalb messbarer Kompetenzen des Pisatests oder auf der untersten Pisastufe 1.
Beim Lesen bedeutet das: 27 Prozent der Hamburger 15-jährigen können z.B. eine Gebrauchsanweisung nur entziffern - aber nicht verstehen. In den Naturwissenschaften sieht es ein bisschen besser aus, da gibt es "nur" 24 Prozent Risikoschüler.
Nur in einer Disziplin ist Hamburgs Schule deutscher Meister: Im Abstand zwischen guten und schlechten Schülern. Die Eleven der Hansestadt liegen laut Pisadaten 124 Punkte vor den Schmuddelkindern in den Hauptschulen.
Das ist ein dramatischer Wert - er liegt noch über der Differenz zwischen Gut und Schlecht Deutschlands (112 Punkte) und dem Differenz-Mittel der OECD, der bei 99 Pisapunkten liegt.
Was sagt dieser Wert aus? Dass die deutsche Schule die Kinder in ein Oben und Unten spaltet. Und genau in dieser Disziplin liegt Hamburg ganz vorne. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagte dazu gerade im Thalia-Theater: Es ist gefährlich einen Teil der Jugendlichen einer Stadt einfach zurückzulassen.
Wer Hamburgs Schüler im amtlichen Dokument nachlesen möchte, tue es hier.
André der XIV. ist abgewählt
Neuer Berliner Landeselternchef. Misstrauensvotum gegen alten erfolgreich
Der Österreicher Günter Peiritsch fordert den Eltern-Alleinherrscher André Schindler heraus - und gewinnt. Schindlers Adlatus Renée Faccin bleibt und will die Abwahl seines Gurus anfechten
Die Abwahl des eigenwilligen Vorsitzenden des Landeselternausschusses, André Schindler, war erfolgreich. Er wurde am Freitag abend mit 13:11 Stimmen in einem konstruktiven Misstrauensvotum zugunsten des neuen Elternchefs, dem Österreicher Günter Peiritsch, abgewählt. Peiritsch kommt aus dem Bezirksausschuss Charlottenburg/Wilmersdorf, ist Projektentwickler und hat drei Kinder in der Grundschule.
Peiritsch versprach, aus dem Landeselternausschuss (LEA) wieder ein offenes und freundliches Gremium zu machen, das alle Berliner Eltern besser informiert.
„Ich möchte nicht nur durch einsame Pressemitteilungen Elternpolitik machen, sondern in einem starken Team mit verteilten Zuständikeiten arbeiten“, spielte Peiritsch im Gespräch mit der taz auf den Stil seines Amtsvorgängers André Schindler an.
Schindler hatte stets den Eindruck gemacht, er stehe als Landeselternausschussvorsitzender immer noch seiner gescheiterten Bildungspartei vor. Schindler hatte sich eine Art Privatfehde mit Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) geliefert, den er permanent und nicht selten ohne Legitimation durch den Landeselternausschuss scharf kritisierte.
Elternpolitik aus Kundus
Schindler verschickte zum Beispiel Pressemitteilungen mit der kruden Behauptung, der Berliner Senat wolle die Gymnasien abschaffen. Sogar aus Afghanistan, wo er an einem Bauprojekt beteiligt ist, regierte er über die Köpfe der Landeseltern hinweg - indem er von Kundus aus harsche Kritik am Ethikunterricht übte. Aber diese Aktion war womöglich eine zuviel. Denn die Kundus-Pressemitteilung zeigte dem Landeselternausschuss deutlich, dass er überflüssig ist. Danach formierte sich eine seriöse Gegenbewegung mit Günter Peiritsch an der Spitze.
Peiritisch versucht einen anderen Stil. Er sagte, der neue Vorstand des Landeselternausschusses müsse selbst eine neue, informativere Elternpolitik formulieren. Als seine persönlichen Ziele nannte Peiritsch eine verbesserte Ausstattung der Berliner Schulen.
„Wenn ein Gymnasium auf den Zeugnissen seiner Schüler vermerken muss, 'Physik wurde nicht erteilt', dann ist das untragbar,“ sagte Peiritsch. Er wolle gegen solche Zustände „mehr Elternpower organisieren.“
Peiritsch will zudem allen Schulformen einen größeren Stellenwert einräumen und auch Migranten besser vertreten. „Eltern mit Migrationshintergrund haben sich im LEA nicht wohl gefühlt und ihn deshalb verlassen. Das muss sich ändern“, meinte Peiritisch.
Der 51jährige ist bereits seit 1991 in Berlin und schwört allen Starallüren Schindler´scher Prägung ab. „Mein Spezialgebiet ist die Grundschule, da höre ich das Gras wachsen. Aber ich kenne mich nicht mit allem aus – und ich will das auch gar nicht.“ Peiritsch betonte, dass es in- und außerhalb des Landeselternausschusses exzellente Kenner gebe – „die will ich in der Öffentlichkeit sichtbar machen und sprechen lassen.“
Faccin will Peiritsch gleich wieder stürzen
Allerdings wird die neue Ära in der Berliner Elternpolitik nicht über Nacht anbrechen. Denn das Misstrauensvotum gegen Schindlers rechte Hand, den zweiten Vorsitzenden Renée Faccin, scheiterte knapp. Der Wahlvorgang zog sich in der Nacht zum Samstag ewig, weil Faccin und Mitglieder des LEA sich gegenseitig der üblen Nachrede bezichtigten. Faccin gewann die Abstimmung mit 13:11, eine gute Zusammenarbeit mit ihm gilt als schwer denkbar.
Faccin schilderte denn auch der taz, wie seine Zusammenarbeit mit Günter Peiritsch aussehen wird – er möchte ihn sofort wieder stürzen. „Ich gehe ich nicht davon aus, dass die Abwahl des Landeselternsprechers André Schindler überhaupt stattgefunden hat, weil an der Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses begründete Zweifel gehegt werden.“

